adato 3-4|12 - Zukunftsfähig?
Oscar Niemeyer - Ein Nachruf


Kurven, Wölbungen, der enge Tanz der Architektur mit der Landschaft: Die Gebäude von Oscar Niemeyer waren berühmt für ihre Sinnlichkeit und ihren utopischen Überschuss. Nun ist der weltbekannte Architekt in Rio de Janeiro gestorben.

Der Architekt Oscar Niemeyer schien in der Lage, die Schwerkraft aufzuheben. Er stützte riesige Wohnblocks auf Pfeiler, die so schlank und anmutig wirkten wie Frauenbeine. Geschwungene Pfade führten durch die Stockwerke wie von einer Wolke zur anderen. Geländer waren überflüssig.

Der Mensch Oscar Niemeyer schien in der Lage, die Sterblichkeit zu überwinden. 1988, als er schon 81 Jahre alt war, bekam er den Pritzker-Preis. Mit 99 heiratete er zum zweiten Mal. Und gleich nach der Hochzeit kehrte er wieder an den Zeichentisch zurück. Wie ist es möglich, wie kann ein Mann durch die Epochen wandern, als sei er erhaben über das Fortschreiten der Zeit?, fragte man sich, wenn man wieder auf ein Interview mit ihm stieß oder von einem neuen Projekt hörte, darunter nicht wenige, die ihrerseits erschienen wie nicht ganz von dieser Welt: ein Museum in Form eines Ufos, ein Spaßbad in Potsdam, eine Bibliothek des Paranormalen.

Nun ist Niemeyer, der Boy von Ipanema, am 05.12.2012 zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag an einer Infektion der Atemwege gestorben. Er wurde seit Wochen im Samaritano-Hospital in Rio de Janeiro behandelt. Zuletzt lag er im künstlichen Koma und wurde nur noch mit Hilfe von Geräten am Leben gehalten.

Niemeyer war nicht nur der letzte noch lebende Gigant der architektonischen Moderne, sondern auch ihr erfolgreichster Überwinder. Dass sich die Welt durch Bauen verbessern lasse, davon war er ebenso überzeugt wie Le Corbusier und andere seiner Zeitgenossen. Doch es war nicht das Rationalitätsideal und die kalte Lust am Sozialengineering, denen er dabei folgte, sondern ein zärtlicher und empfindsamer Humanismus.
Goodbye Monopol-Supermarkt




Vor dem Abriss des Monopol-Supermarkts am Place des Alliés in Differdingen wurde das Gebäude zu einem Zentrum der Urban Art. Von Montag, dem 27.08.2012 an gestalteten mehrere Graffitikünstler die Wände innen und aussen.
Einer von ihnen, Stick, nahm sich Möbelstücke vor. Die Batards Gourmands hatten Cupcakes gebacken, Patrick Müller erklärte, wie sich mit einer Lomo-Kamera fotografieren lässt und Surf’in verkaufte Skateboards. Zu erwerben gab es außerdem Souvenirs aus dem Supermarkt, wie Werbeplakate, Promo-Gläser und ein Schwarz-Weiß-Portrait des früheren Geschäftsführers. Die Erlöse wurden der Stiftung Krebskranker Kinder gespendet.
Die Idee zu der Aktion hatte der Bauherr des Geländes, die er dem Werbefachmann Will Kreutz und Graffiti-Artist Sumo vorschlug. Die waren begeistert und luden ihre Freunde ein, um am Projekt «Goodbye Monopol» mitzuwerkeln.
Weinpavillon


Formsociety

Der Weinpavillon St.Rémy in Remich liegt zwischen der Moselpromenade, der Hauptstraße, den Weinbergen sowie dem Anwesen der Familie Desom. Er erforderte eine Implementierung, die dem Gebäude zum öffentlichen Raum hin eine repräsentative, offene, einladende Funktion verleiht und gleichzeitig die Achsen und Kanten seines bebauten und natürlichen Kontextes in sich vereint.
Die Neigung der Hanglandschaft und die Umrisslinien seiner bebauten Umgebung definieren die Form des Pavillons, die aus einem rechteckigen Quader dekonstruiert wurde. Die geographische Lage im Hochwassergebiet der Mosel erforderte, das Gebäude auf einen Sockel zu stellen, der so zu einer großzügigenTerrasse wird.
Durch die großen Glasfassaden, die sich südöstlich zur Straße und zur Mosel hin öffnen, wird der Bezug zwischen dem öffentlichen Raum, der Moselpromenade und dem halbprivaten Raum des Pavillons intensiviert. Der Blick aus dem Innenraum auf das Panorama des Moselufers ist uneingeschränkt. Der große Vorplatz wird zum Attraktor für das Eintauchen in das genussreiche Szenario am Ende eines komplexen Produktionsprozesses der Weinherstellung.
Die Materialität des Gebäudes ist von den Materialien der Weinproduktion inspiriert: den Edelstahltanks und Eichholzfässern, in denen der Wein heranreift. So lehnen die Alucubond- Fassade aber auch die Naturholzelemente im Innenraum an einer Neu-Interpretation dieser Werkstoffe an. Der vertikale Rhythmus der Aluminium-Verbundplatten ist dem mathematischen Fibonacci-Prinzip nachempfunden.
Ein besonderes technisches Highlight des Gebäudes ist das herausfahrbare Markisensystem. Die Großflächen-Teleskoparmmarkisen wurden eigens für das Gebäude angefertigt und werden durch einen Motor betrieben. In geschlossener Form wird der gesamte Sonnenschutz hinter die Fassade versteckt, um die dekonstruierte Form dieser Architektur nicht zu stören.
Im Eingangsbereich des Pavillons befindet sich der Wein-Shop als Bindeglied zwischen Bar- und Eingangsbereich. Der Gastraum, die Bar, die Küche, die WC-Anlagen und der Lagerraum sind im Erdgeschoß der Weinbar untergebracht. Auf Ebene 01 sind ein Technikraum, ein Umkleide- sowie ein Aufenthaltsraum für die Belegschaft, ein Büro für den Geschäftsführer und ein Waschraum eingerichtet.
Die Herausforderung in diesem Projekt bestand darin, Tradition und zeitgenössisches Design erfolgreich zu kombinieren und ein Ambiente zu schaffen, das gleichermaßen schlichte Eleganz und eine warme Atmosphäre vereint. Die Ausführung zeichnet sich durch ein außerordentliches Bewusstsein für Detail und hochwertige Materialität sowie eine hervorragende handwerkliche Umsetzung der architektonischen Konzeption aus.
Für Entwurf, Baugenehmigungs- und Ausführungsplanung ist das Architekturbüro Formsociety (Inhaberin: Panajota Panotopoulou) www.formsociety.com in Zusammenarbeit mit Architekt Pit Kuffer verantwortlich. Die Innenraumgestaltung wurde von den Innenarchitektinnen Isabelle und Anne Schweitzer www.lucienschweitzer.lu konzipiert und ausgeführt. Die Baustellenaufsicht wurde in bemerkenswerter Weise vom Bauherren Albert Desom selbst übernommen.
Free Spinning “Beaconstage”


NO.MAD Arquitectos

An object with three distances of use: as stage in the Marine Stadium, as mobile theatre or exhibition gallery in the Miami Downtown waterfront or as panoramic seating, boating cinema, informative beacon or mutable shiny icon anywhere in the Miami bay.

The versatility of its interior empty space allows configuring diverse stage and seating situations depending on the needs, while the accessible sloping roof deploys multiple seats to contemplate open air events in a privileged situation.

A non-directional anchored volume that may, or not, rotate freely changing appearance and orientation throughout the day. His geometry and balance sheet of gravitational weight provokes a surprising presence of unstable flotation. The metallic envelope allows integrating, in tetrahedral pieces, enough solar cells for self -supplying energy.
EIN NEUES KONZEPT MUSS HER
Text: Ingeborg Flagge

Eindrücke und Überlegungen von und zur Architekturbiennale 2012 in Venedig

Gerne hätte man David Chipperfield, dem Direktor der Architekturbiennale 2012, eine wegen riesigen Interesses überlaufene Veranstaltung gewünscht. Aber nie zuvor habe ich so wenige Besucher erlebt; sowohl in den Giardini als auch im Arsenal herrschte an meinen drei Besuchstagen eine fast gähnende Leere. Woran es lag, ob am Thema oder an einer Übersättigung mit Architekturausstellungen, war nicht herauszubekommen.
Was nach dem Willen Chipperfields, dieses sympathischen Pragmatikers, eine „Biennale der Bescheidenheit“ hätte werden sollen, war in vieler Hinsicht ein konventioneller Auftritt, in weiten Teilen nüchtern, übersichtlich und ohne das gewohnte Chaos, das beispielsweise den Zentralen Pavillon regelmässig in ein Labyrinth verwandelt, wo einen die Klaustrophobie packt.
Aber Ordnung und Bodenständigkeit statt Feuerwerk und Glamour machen nicht unbedingt eine erfolgreiche Architekturbiennale, obwohl man sich für Architekturstudenten keine informativere Ausstellung über die Bandbreite architektonischen Schaffens als diese hätte vorstellen können. Nicht nur verrückte, sondern auch beeindruckend umfassende Arbeiten wie im dänischen Pavillon über Grönland nach der Eisschmelze waren zu begutachten. Hier der zu Recht allgemein gelobte deutsche Beitrag mit seiner unaufgeregten Ausstellung „ Reduce Reuse Recycle“, die grandios beweist, daß ein Abriss des ungeliebten Nazipavillons völlig überflüssig ist, weil ein guter Kurator mit dem viel geschmähten Raum alles machen kann. Dort der Torre David in Caracas, Venezuela, vorgestellt von der Gruppe Urban Think Tank, eine Bauruine von 45 Stockwerken, unbewohnbar, aber von Bewohnern erobert, ein „Schreckensturm“, aber angeeignet von darin ohne Wasser und Strom lebenden Besetzern. Zwischen diesen beiden Extremen lassen sich alle Tätigkeiten eines Architekten ansiedeln.
David Chipperfield, ein „stiller Star“ dem man im Vergleich zu vielen seiner arroganten Kollegen mit Hochachtung und nicht mit Kopfschütteln begegnet, hatte als Thema der diesjährigen Biennale „Common Ground“ ausgegeben. Das ist im Englischen nicht nur ein physischer Begriff - öffentlicher Raum, nicht nur „lokale Verantwortung“, sondern „Ausdruck einer Haltung“, einer „Gemeinsamkeit, einer Zugehörigkeit, eine Art Konsens, auf dem ein Miteinander basiert“. Ein Begriff, der Architektur in Bezug auf den öffentlichen Raum versteht und nicht nur als einsame Spitzenleistung eines Einzelnen begreift, sondern als Teamwork, ein Begriff, der mehr Alltag im Bauen meint als gestalterische Höchstleistungen.

Für viele Teilnehmer der Biennale - ob Einzelarchitekten oder nationale Pavillons - war dieser Begriff zu ungenau, zu allgemein, um sich dazu etwas Überzeugendes einfallen zu lassen. Andererseits gehört es zum Usus der verschiedenen Biennalen, sich weder um die Vorgaben des Direktors noch um sein Thema zu kümmern. Die Selbstdarstellung von Architekten, die sich als Stars sehen und nicht dreinreden lassen wollen, verbietet wohl dergleichen. Hatte Chipperfield noch gesagt, er werde nervös bei dem Gedanken, „aus der Architektur sogenannter Ikonen Identität zu beziehen“, daß also nur Museen und Opernhäuser als Maßstab für zeitgenössische Architektur gelten, so realisierte Vittorio Magnago Lampugnani in seinem Beitrag genau das, allerdings auf dem niedrigeren Niveau von Bürobauten. Er stellte die ziemlich eintönige Basler Campus Architektur der Bürohäuser des Chemiekonzernes Novartis als vorbildliche „Stadt“ aus, dies eine komplette Absage an „Common Ground“, denn das Firmengelände ist nichts als eine hochbewachte „gated community“ mit einem Zutritt nur für dort Arbeitende. Einen „Ausrutscher“ nannte die Bauwelt dieses Projekt, das die Biennale ihrer Meinung nach hätte ablehnen sollen. Überhaupt wäre es einmal interessant zu erfahren, wer sich womit für eine Ausstellung in Venedig beworben hat und nicht akzeptiert wurde.

Dass nicht jeder Star nur eigenen Glamour sucht, beweist ausgerechnet OMA mit einer kleinen Ausstellung von vierzehn großen öffentlichen Bauten Europas, die in den 6oer und 70er Jahren von öffentlichen Bauämtern realisiert wurden, also von begabten, beamteten Kollegen, an deren Abschaffung die freiberuflichen Architekten seit Jahrzehnten durchaus erfolgreich arbeiten. „Common Ground“ als Basis für eine gemeinsame Verantwortung braucht aber begabte Architekten auf jeder Seite. In den großartigen Räumen des Arsenales steht der „Autismus“ (FAZ) und die Selbstdarstellung der Architekten im Vordergrund. Man verkauft sich hier, wie es einem gefällt. Vieles mutet wie zufällige Verlegenheitslösungen an, anderes wie die zugegebenermaßen schönen, neoklassizistischen Modelle von Hans Kollhoffs Bauten aber auch langweilig, weil man sie seit Jahren kennt. Auch Herzog & de Meurons große Presseschau zu der Hamburger Elbphilharmonie thematisiert eher den Bauskandal mit seinen unentwegten Preissteigerungen als die Qualität des Entwurfes. Traumhaft und geradezu poetisch dagegen das Riesenmodell eines kleinen Dorfes auf den vom Tsunami heimgesuchten Miyato-Jima Inseln in Japan, das von SANAA nach seiner völligen Zerstörung wieder aufgebaut wird. In den Giardini sind die Ausstellungen nicht auf einzelne Architekten konzentriert, werden dadurch aber nicht unbedingt interessanter.
Der kanadische Pavillon verführt mit dem Geruch frisch geschnittenen, vertikal gestellten Holzes, das in unterschiedlicher Höhe zu einer gigantischen, aber wenig informativen Landschaft oder Skyline geschichtet ist. Die Niederländer, normalerweise sozial engagiert und lebendig, scheinen den ganzen Biennale Zirkus auf den Arm nehmen zu wollen. Sie stellen nichts aus, nur ein Vorhang rückt alle 9o Sekunden durch den Rietfeld Pavillon vor und verändert den Raum wie auf einer ständig ins Stocken geratenden Reise. Die Österreicher schicken ihre Besucher in tief gebückter Haltung durch den Eingang des von Josef Hoffmann gebauten Pavillons, um sie dann einer raffiniert gemachten, aber unverständlichen Inszenierung auszusetzen. Der ägyptische Pavillon mit seiner vergangenheitsträchtigen Bogenarchitektur voll arabischer Schriftzeichen stimmt bedenklich hinsichtlich der politischen und architektonischen Zukunft des Landes Da war Hassan Fathy vor fünfzig Jahren schon weiter. Im serbischen Pavillon füllt den ganzen Raum ein gigantischer weisser Tisch, den große Gruppen durch Trommeln darauf zum Klingen bringen können. Aber was tut ein Einzelner hier? Raffiniert durchaus der russische Pavillon, wo man durch zahllose Gucklöcher die vielen verbotenen Städte der früheren Sowjetunion betrachten kann, in denen der Staat - den damaligen Bewohnern des Riesenreiches unbekannt - geheime Forschungen jeder Art betrieb.

Was kann man von einer Architekturbiennale erwarten, die der deutsche Bauminister Ramsauer stolz als größte Show der Welt titulierte? Daß sie noch größer wird? Daß sie noch mehr Elfenbeintürme zeigt? Das das Sensationelle und das Exzentrische in der heutigen Architektur noch stärkere Hervorhebung findet? Denn das Kleine und das Nachdenkliche gehen auf der Biennale verloren. Und „commitment“ in der Architektur, also das geduldige Eingehen auf die Wünsche und Nöte der Nutzer, das Chipperfield fordert, kommt nicht oder kaum zu Wort, ebenso wenig wie die Probleme des Bodenrechtes, über die öffentlicher Raum erst möglich ist.

Für meine Begriffe kann es auf einer Architekturbiennale nicht um fertige Lösungen oder erreichte Ziele gehen, das wäre langweilig. Vielmehr müßte die Biennale ein „Think Tank“ sein, wo es um Diskussionen geht, um Anstöße, um Prozesse, kurz um Einsichten in das, was in und um und mit Architektur möglich ist.
NACHALTIGKEIT- ein vielschichtiger Begriff
Zu einigen Aspekten eines wichtigen Themas

Text: Ingeborg Flagge

Nachhaltigkeit ist unbestreitbar das Leitbild des 21. Jahrhunderts und ein anzustrebendes Ziel. Dennoch bedarf der Begriff einer ständigen neuen Definition. Am Anfang stand das englische „sustainable development“ , und das deutsche Wort Nachhaltigkeit kam erst nach vielem kritischen Hin und Her zustande. Eingeführt wurde der englische Begriff 198o als Teil der World Conservation Strategy. Seit der Umwelt-Konferenz in Rio 1990 ist er Leitmotiv, aber keineswegs unumstritten.

Ursprünglich kommt der Begriff aus der Forstwirtschaft und beinhaltet, dass nur so viel Holz geschlagen wird wie nachwachsen kann. Inzwischen ist er auf Grund der Ausweitung seiner Inhalte und der Tatsache, dass er nicht selten auch oberflächlich zu PR Zwecken missbraucht wird, so unscharf geworden, dass viele bereits von einem Gummibegriff sprechen und nach immer neuen Bezeichnungen suchen, was das Verständnis auch nicht erleichtert.

Ob der Yoghurt in den Regalen unserer Supermärkte aus einem Land tausend Kilometer weit importiert wird, obwohl vor Ort reichlich gute Produkte vorhanden sind, ob ein finnisches Holzhaus von skandinavienbegeisterten Bayern in die Nähe von München geordert wird, obwohl Schreiner im nächsten Ort seit Jahrhunderten gute Holzhäuser herstellen - auch nach den individuellen Wünschen ihrer Kunden, ob grüne Architekten sich und anderen Lehmhäuser errichten und dazu indische oder ägyptische Fachleute einfliegen lassen, alles dies und sehr viel mehr wird unter Nachhaltigkeit verstanden. Kommt hinzu, dass der Begriff der Nachhaltigkeit von einer zunächst lokalen Wirkungsweise inzwischen zu einem Ziel globaler Bedeutung geworden ist und damit weltweite örtliche Verschiedenartigkeiten impliziert, die niemand mehr überschaut. Auch dieser Artikel kann da keine grundsätzliche Klarheit bringen.
Nachhaltigkeit heißt als Ziel, dass unsere Welt im Gleichgewicht gehalten bzw. dorthin gebracht werden soll und kann. Eine schöne, wenn gleich native Vorstellung, gegen die täglich rund um den Globus verstoßen wird. Denn von der Verantwortung gegenüber kommenden Generationen, was Nachhaltigkeit auch impliziert, hat jedes Land eine andere Vorstellung. Das eine Land sucht Zugang zu sauberem Trinkwasser, weil ihm die Stauseen des mächtigen Nachbarn genau dieses Wasser abgraben, ein anderes wehrt sich gegen die Überfischung der Meere durch großindustrielle Unternehmer, weil die eigenen kleinen Fischflotten pleite gehen, viele engagierte Gruppen protestieren gegen den dramatischen Rückgang biologischer Arten, fremde Regierungen pachten große Teile afrikanischer Länder, um dort Nahrung für ihre eigenen Bewohner anzubauen, während weite Teile der einheimischen Bevölkerung vor Ort verhungern - alles Aspekte, die unter den Begriff von Nachhaltigkeit fallen.
Nachhaltigkeit umfasst ökologische, ökonomische und soziale Komponenten und stellt damit in allen Bereichen unserer weltweit vernetzten Gesellschaft ein wünschenswertes Ziel dar. Ähnlich vielschichtig wie in der globalen Diskussion ist der Begriff auf dem Gebiete der Architektur. Er reicht von Problemen mit der Dämmung und ihren teilweise fatalen Folgen bis zu begrünten Fassaden und den Fragen, wie wir künftig wohnen wollen und welche Rolle dabei die Stadt spielt. Nikolaus Maak, Architekturkritiker bei der FAZ, meinte hierzu kürzlich in einem Aufruf an „Architekten: auf die Barrikaden“, ob es nicht ökologischer sei, „die Städte zu verdichten und die brachliegenden Flachdächer in Gärten umzuwandeln, so daß die Pendler in der Stadt bleiben können, anstatt mit ihren Großlimousinen in das Haus vor der Stadt zu fahren. Und dabei zehnfach die Energie zu verdieseln, die der klapperige Dämmputz einspart“.

Architektur speist sich aus vielen Quellen. Nachhaltigkeit ist nur eine, aber für die Zukunft sicher eine wohl unverzichtbare. Eine ziemlich überzeugende Definition und Illustration von Nachhaltigkeit lieferte kürzlich die Ausstellung im deutschen Pavillon der Architekturbiennale 2012 in Venedig. Unter dem Titel „Reduce Reuse Recycle“ , also „Vermeiden Weiterverwenden Verwerten,“ einem aus der Abfallwirtschaft übernommenem Wertesystem, zeigte die Ausstellung Projekte, bei denen es statt um Abriß und Neubau um kleinstmögliche Eingriffe mit maximaler Wirkung beim Bautenumbau ging.
Eines der Grundprobleme beim kompletten Abriss ist die Tatsache, dass eine völlige Wertevernichtung stattfindet, die heute so nicht mehr tragbar ist, auch wenn Altbauten so weit wie möglich recycelt werden. Denn der Energieaufwand, der bereits bei der Herstellung von Bauteilen eine riesige Rolle spielt, wird bei einer Energiebilanz völlig unterschlagen. Diese sog.graue Energie ist aber ein gewichtiges Argument für den Erhalt und Umbau von Gebäuden. Um den gilt es, sich in Zukunft stärker zu kümmern.
Ob es allerdings wirklich zum nachhaltigen Fußabdruck eines Gebäudes zählt, wenn beim Neubau einige stilistisch wertvolle Überreste ansonsten zerstörter Bauten übernommen und wieder eingebaut werden, wage ich zu bezweifeln. Das Arbeiten mit Spolien ist bekanntlich Jahrtausende alt. Oder was ist nachhaltig daran, wenn Diener & Diener erklären: „Mein Anspruch ist, das Neue nicht kontrastierend gegen das Alte zu setzen, sondern es dem Alten an die Seite zu stellen“. Erstens ist diese Formulierung eine reine Interpretationssache und zweitens, was hat ein Karljosef Schattner in Eichstätt über dreißig Jahre anderes als genau das getan. Aber hat er sich deshalb je nachhaltig genannt? Viele Äußerungen zur Nachhaltigkeit sind denn auch Augenwischerei und Modezitate und haben mit dem Thema an sich nichts oder wenig zu tun.
Geradezu kontraproduktiv ist inzwischen die Praxis der Dämmung, jedenfalls wie sie gemeinhin bei Altbauten gehandhabt wird. Erst rettet man ganze Altbauviertel wegen ihrer gestalterischen Vielfalt vor dem Abbruch, Bürgerinitiativen kämpfen für die Eigenart von Jugendstilbauten und ihrer Ornamentik, um diese heute kaputt zu dämmen und ihre gestalterischen Besonderheiten unter viel Dämmmaterial zu ersticken. „Das Hamburger Kontorhausviertel zu dämmen, ohne dass die Backsteine verschwinden, ist unmöglich“, meint Andreas Hild zu Recht. Hier muss nach neuen Wegen in Sachen Nachhaltigkeit gesucht werden.

Nachhaltigkeit impliziert sowohl anhaltende Veränderungen aber auch einschneidende Maßnahmen. Um Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen deshalb nicht nur alte Einstellungen über Bord geworfen und neue Sichtweisen eingeübt werden, es bedarf auch gänzlich neuer Verfahren und damit wissenschaftlicher Forschung, um für die Zukunft neue Stoffe und Produkte zu entdecken. Insofern sind die Bionik und ihre Ergebnisse hilfreich für die Entwicklung der Nachhaltigkeit.
Die Natur ist bekanntlich der größte Innovator der Erde. Ihr Studium liefert Hinweise auf Prozesse und Produkte, die für und in unseren Alltag übernommen werden können. Wir haben seit langem den Klettverschluß für unseren Alltag entdeckt, den Lotuseffekt, bei dem sich Schmutzpartikel und Wassertropfen auf einer Oberfläche nicht halten können, die poröse Struktur von Knochen, die bei geringem Eigengewicht dennoch hoch belastbar sind und als Vorbild für Metallschaum dienen. Tanker und Containerschiffe zeigen seit längerem vergleichbar der Nase von Delfinen einen Wulst am Bug, der sie auf Grund des so verringerten Strömungswiderstandes bis zu zehn Prozent Treibstoff sparen läßt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Das Studium der Natur verspricht neue Leichtbauweisen, Isoliermaterialien nach dem Vorbild des Eisbärenfells oder flexible Abdichtungen von Hallendächern - Nachhaltigkeit im Bauen wird von solcher Forschung profitieren. Man muss nur Thomas Edison folgen, der sagte: „Wenn es einen Weg gibt, etwas besser zu machen, finde ihn“.
Wie hässlich ist Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und ökologische Architektur?
Text: Jennifer Lynn Erdelmeier

Im Jahr 2050 wohnt ein Großteil der Berliner im Erdinneren. Lange organisch geformte Tunnel verbinden Häuser Wohneinheiten miteinander. Oberhalb der Erde erstreckt eine grüne Hügellandschaft durch die Stadt. Sie schiebt sich zwischen Häuserschluchten, steigt an, fällt ab – modelliert die Stadtoberfläche.

Ab und zu sieht man Fenster oder Türen, die ahnen lassen, dass man sich auf einem Gebäude befindet. Der Prenzlauer Berg ist sprichwörtlich ein Berg. Gebaut hat diese neue Wohnlandschaft nicht etwa der Mensch, sondern ein Bakterium namens Shewanella. Dieses kann durch einen mikrobiologischen Prozess Räume völlig eigenständig im Erdreich ausdehnen lassen. Um diese Räume für Menschen bewohnbar zu machen, müssen nur noch Böden, Fenster, Türen, Fahrstühle und Tunnel gebaut werden. Fertig. Und absolut ökologisch.

Dieses eigenwillige Zukunftsszenario entwickelte Protocol Architecture, eine New Yorker Gruppe von Forschern, Künstlern und Architekten. Die Städte von heute sind längst nicht mehr für die Ewigkeit gebaut. Auch sie können der aktuellen Energiedebatte unmöglich entkommen. Sie unterliegen mittlerweile dem demografischen Wandel und dem Klimawandel. Auch einem Schönheitswandel. Klimaneutrales Wohnen, Wärmerückgewinnung, Windkraftanlagen, Nullenergiehäuser, energieeffiziente Gebäudehüllen und Solarpanelle heißen die neuen Maßstäbe, mit denen man der Energieverschwendung trotzen will. Und das ist gut so, denn Städte und ihre Bewohner produzieren einen nicht unerheblichen Anteil an Treibhausgasen.

Es gibt einige Projekte für neu geplante Ökostädte, die in der zwischen in der Realisierungsphase stecken. Beispielsweise das Projekt Masdar-City im Emirat Abu Dhabi. Die Stadt soll vollständig durch erneuerbare Energien und ein eigenes Solarkraftwerk versorgt werden. Sie wird von engen schattenspendenden Gassen durchzogen werden und greift somit ein jahrhundertealtes bewährtes Mittel zur Klimaregulierung auf. Denn dadurch werden nicht nur Straßen gekühlt, sondern auch der Energieaufwand für die Gebäude reduziert. Klimaanlagen werden dadurch überflüssig. Der Trend bei Planstädten geht hin zur Energieautarkie.

Doch gewachsene Metropolen müssen umdenken. Und wie wird sich dies auf unser Stadtbild auswirken? Werden Zuckerrüben, Getreide oder Kartoffeln in den Parks zur Treibstoffgewinnung angepflanzt? Werden in Zukunft Windräder unsere Straßen säumen?
Der Ästhetik von Windrädern hat sich jetzt das Amsterdamer Architekturbüro nl architects angenommen. Bisher sind Windräder – obwohl durchaus sinnvoll – nicht schöner als Strommasten. In Zukunft sollen sie wie Bäume oder Blumen aussehen und „power flowers“ heißen. Der Stamm und die Äste sind unterschiedlich formbar, Windmühlenflügel sind wie Blüten geformt. Sie sind kleiner und könnten auch im öffentlichen Raum stehen.

Bis 2050 will die deutsche Bundesregierung den Kohlenstoffausstoß von Wohnhäusern um 80 Prozent senken, denn Haushalte verbrauchen heute 85 Prozent ihres Energiebedarfs für Warmwasser und Heizung. In Zukunft werden Gebäude vorwiegend erneuerbare Energien zum Heizen nutzen. Dafür muss aber ein Großteil des Gebäudebestands saniert oder umgerüstet werden. Häuser müssen vollständig in Wärmedämmung verpackt werden. Doch was passiert mit den ganzen Stuckaturen und Gesimsen an den Altbauten? Müssen sie abgeschlagen werden? Weg mit allem Überflüssigen?
Dies könnte eine Rückbesinnung auf den Gestaltungsleitsatz „form follows function“ von Louis Sullivan, dem Begründer der organischen Architektur, bedeuten. Demnach lässt sich der Nutzen an der Form ablesen oder aus der Form die Funktion. Eine neue Art von organischer Architektur könnte tatsächlich eine urbane Hügellandschaft sein, da spart man sich die Fassade und somit auch ihre Dämmung. Neue Freiflächen würden entstehen, die Stadt begrünen und durchlüften. Gleichzeitig könnte somit auch die Erdwärme zum Heizen verwendet werden. Gerade die Wärme von Thermalquellen wurde schon vor Jahrtausenden von verschiedenen Völkern genutzt. Vielleicht sollte generell eine Hinwendung zu historischen und somit zumeist ökologischen Baustoffen und –methoden erfolgen. In der Steinzeit wurde mit Moor und Gras gedämmt. Da der Schnee durch den hohen Luftanteil ebenfalls ein guter Dämmstoff ist, nutzen die Inuit ihn zum Bau ihrer Iglus. Im Mittelalter isolierte man mit gebrannten Lehmziegel. Später auch mit Lehmputz. Der speichert Wärme und Feuchtigkeit und sorgt für ein angenehmes Raumklima. Also, ab unter die Erde? Holz, Korkschrot und Strohmatten dienten ebenfalls als Dämmmaterial. Könnten dies die wiederentdeckten Bautextilen der Zukunft sein? Umweltbewusst und bewährt – aber schön...

Ästhetik wohnt eine ganz eigene Funktion inne, insbesondere wenn es um Stadtraum geht. Aber was für den Klimaschutz gut ist, muss nicht ästhetisch sein. Das individuelle Gesicht einer Stadt - ihr Charme - der eben nicht geplant werden kann, sondern durch die Jahrzehnte reift und wächst, könnte gefährdet werden.

Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass gerade Städte enorm wandlungsfähig sind. Sei es durch ihre Architektur oder ihre Bevölkerung. Das sieht man heute schon – auch ohne Nachdämmen der Fassaden in Berlin. In kürzester Zeit können sich in Mitte, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg, ganze Straßenzüge wandeln und das Straßenbild so verändern, dass es kaum wiederzuerkennen ist. Flächen, die jahrelang brachlagen, werden plötzlich bebaut. An für Sanierungszwecke eingerüstete und verhängte Fassaden hat sich der Berliner schon längst gewöhnt. Dahinter verbergen sich teilweise eigenwillige Materialien und unterschiedlichste Farben: quietschpink, himmelblau, giftgrün – die dann später zum Vorschein kommen. Das Auge des Städters ist nicht zu unterschätzen, es ist extrem gewöhnungsfähig und belastbar.
Fest steht, dass Berlins Gebäude im Jahre 2050 nachhaltiger und energieeffizienter – und irgendwie anders aussehen werden. Nur wie?
Ob Berlin dann tatsächlich immer noch „sexy“ ist wird sich zeigen. Auch dann wird man weiterhin über Geschmack streiten können.

Was die in Berlin lebende Architektin und Autorin Jennifer Lynn Erdelmeier in ihrem Artikel beschreibt trifft auf viele Städte zu. Auch in Trier finden sich unerträglich bunte und in Wärmedämmung eingehüllte Gebäude, nicht wieder zu erkennen. Wollen wir wirklich in Polystyorl verpackte und zwangsbelüftete Gebäude leben?
Power Flowers


NL architects

Power Flowers, or Urban Windmills, are the result of an ongoing investigation into the sculptural potential of wind energy. Can we turn windmills into objects of desire?
Until recently we focused on turbines with 3 blades. These omnipresent mills are at this moment the most successful producers of wind energy.
In order to be fully effective, to neutralize the effect of turbulence, the spacing of these windmills needs to be 5 times the rotor diameter. Since they require these enormous intervals, our main concern was to find ways to optimize space consumption. Can we ‘densify’ the grid?
Scale enlargement has advantages: more output per m2, fewer turbines required, less maintenance. But the impact becomes more significant as well. The new generation features its rotor axis at 120 meters and has a total height of 180 meters. Besides the visual disturbance there is the noise to deal with. And ice that might form on the blades poses considerable risk... As a consequence the windmills need to be placed relatively far from the places were the energy is desired. This requires a heavy duty infrastructure.
With the emergence of smart grids it perhaps becomes feasible to use smaller units that are less effective, but also less obtrusive. Can we ‘domesticate’ the turbines?
For this study we deployed a turbine that is already on the ‘market’: the eddy. Eddy is strong, affordable and silent. Because of the vertical axis design eddy can produce energy with wind from any direction. It can be mounted virtually everywhere… Our effort is to design an attractive fixing device. How to orchestrate these flower-like turbines in a refreshing way?
Der Teufel steckt im Detail
Text Stefan Fries - E3 consult

Nachhaltigkeit kann nur gelingen, wenn man näher hinschaut

Nachhaltigkeit ist in aller Munde.
Die Grundidee ist so einfach wie einleuchtend. Es geht darum die Dinge so zu gestalten, dass diese dauerhaft anstatt schnell vergänglich sind und dabei nicht mehr Ressourcen verbrauchen als zur Verfügung stehen. Egal ob Ökologie, Ökonomie oder Soziales; es scheint als sei Nachhaltigkeit das Allheilmittel auf die drängenden Fragen unserer Zeit.
Dies wird häufig auch in dieser Einfachheit, von Vertretern aller Disziplinen kommuniziert. Auch in der Baubranche gewinnen nachhaltige Ansätze in den letzten Jahren immer mehr an Boden.
Viele Bereiche in denen Nachhaltigkeit als Strategie Anwendung findet, sind jedoch sehr viel komplexer als sie auf den ersten Blick erscheinen. Scheinbar nachhaltige Problemlösungen entpuppen sich bei genauerer Betrachtung allzu häufig als wirkungslos oder schaffen neue nicht vorhergesehene Probleme.
Zum Beispiel werden im Bereich der Architektur „Wärmedämmverbundsysteme“ als besonders nachhaltig angepriesen, da diese die Heizenergieverbräuche von Gebäuden entscheidend verringern und damit bares Geld und Ressourcen sparen. Es ist aber schon heute ersichtlich, dass diese Systeme die Ursache vieler zukünftiger Probleme sein werden. Der Materialverbund zwischen Kleber, Dämmstoff und einer armierten Aussenputzschicht ergibt ein Konglomerat, das ein Recycling der verschiedenen Stoffe nahezu unmöglich macht. In Anbetracht der relativ kurzen Lebensdauer der Dämmsysteme entstehen so in naher Zukunft große Mengen an Sondermüll, die nicht nur ökologisch sondern auch volkswirtschaftlich alles andere als zukunftsweisend sind. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass Polystyrole in der Regel mit bromierten Flammschutzmitteln versetzt sind , die sich in Lebewesen anreichern und nur schwer abbaubar sind.
Abgesehen von Fehlern, die dadurch entstehen, dass die Komplexität der Zusammenhänge übersehen wird, findet auch mit zunehmender Popularität eine Missbrauch des ungeschützten Begriffs Nachhaltigkeit, auch „Greenwashing“ genannt, statt. So kommt es auch, dass der Glaube viele Menschen in Nachhaltige Botschaften und ihre Verkünder erschüttert ist. Zudem wird Nachhaltig oft mit „teuer“ gleichgesetzt.Wie kann man diesen Problemen bei der Umsetzung der nach wie vor guten Idee der Nachhaltigkeit in der Architektur und Bauwirtschaft begegnen?
Man muss genauer hinsehen. Für echte Nachhaltigkeit bedarf es mehr als plakativer Phrasen. Der Teufel steckt eben im Detail.
So stellen etwa Passivhäuser nur dann eine Lösung dar, wenn sie mit großer Fachkompetenz und Sorgfalt geplant und ausgeführt werden. Holzbauten sind nur dann ökologisch und zukunftsweisend wenn einheimische und zertifizierte Hölzer verwendet werden, die nicht chemisch behandelt werden müssen. Nicht zuletzt sind nachhaltige Baukonzepte immer kontextabhängig. Was beim Bau eines Bürokomplexes ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist, kann bei einem Einfamilienhaus völlig unpassend sein.
Echte nachhaltige Konzepte müssen eine gute Ausgewogenheit zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Qualitäten aufweisen. Darüber hinaus sollte der ganze Lebenszyklus eines Bauprojektes oder eines Bauteils betrachtet werden. Bauweisen mit zunächst niedrigen Herstellkosten können sich infolge Ihrer hohen Nutzungskosten innerhalb von wenigen Jahren als die wirtschaftlich ungünstigere Variante herausstellen.
Um eben die Nachhaltigkeit von Bauwerken in Ihrer Komplexität beurteilen zu können bedarf es einheitlicher Werkzeuge, mit denen man nicht nur das gesamte Gebäude, sondern auch einzelne Bauelemente und deren Zusammenspiel bewerten kann.
Im Baugewerbe wurden hierfür die Zertifizierungssysteme (z.B. DGNB, BREEAM, LEED, HQE) ins Leben gerufen, die nicht nur alle relevanten Prozesse, Materialien und Bauweisen untersuchen, sondern die Qualität von nachhaltigen Gebäuden und Baumaßnahmen durch ein ausgeklügeltes System bewert- und vergleichbar machen.
Gerade die Bauwirtschaft steht wegen der steigenden gesetzlichen Anforderungen z.B. im Bereich Energieeffizienz und der bisher, im Vergleich mit anderen Industrien relativ niedrigen Innovationsgeschwindigkeit, vor großen Herausforderungen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen bedarf es gut ausgebildeter Architekten und Ingenieure, die die Planer auf dem Weg zu einem zukunftsweisenden Gebäude unterstützen können.
Schlussendlich ist es sehr wichtig die Bauherren von der ökologischen und sozialen Zukunftsfähigkeit einer nachhaltigen Planung und Durchführung Ihres Bauwerks zu überzeugen und Ihnen zu zeigen, dass nachhaltiges Bauen sogar ökonomische Vorteile bringen kann.
EXPO 2000 NL PAVILION


MVRDV

The Netherlands is a densely populated country combining a high standard of welfare with a great democratic tradition. It could well be the prime example of a country that has always had to (and knows how to) mold the environment to suit its will. It’s a country that time and time again has won more land from the sea. Perhaps in the near future extra space will be found not just by increasing the country’s width but by expanding vertically. This kind of operation would seem to be applicable to many more countries. It raises questions of global significance. Can increasing population densities coexist with an increase in the quality of life? What conditions should be satisfied before such increases in density take place? What role will nature, in the widest sense, play in such an increase in density? Is not the issue here “new nature,” literally and metaphorically? This kind of effort can be the Netherlands’ specific contribution to the ecological spectrum of the World Fair in Hannover 2000, which seems to be devoted particularly to a nostalgic glimpse of ecology: a simple critique of technology and the consumer society, of asphalt and machinery. What the Dutch entry shows is precisely a mix of technology and nature, emphasizing nature’s make-ability and artificiality: technology and nature need not be mutually exclusive, they can perfectly well reinforce one another.

Nature arranged on many levels provides both an extension to existing nature and an outstanding symbol of its artificiality. It provides multi-level public space as an extension to existing public spaces. And even by arranging existing programs on many levels it provides yet more extra space, at ground level, for visibility and accessibility, for the unexpected, for “nature.” Dividing up the space in the Dutch entry and arranging it on multiple levels surrounds the building with spatial events and other cultural manifestations. The building becomes a monumental multi-level park. It takes on the character of a happening.

The fact that this kind of building does not yet exist means that it also gets to function as a laboratory. It not only saves space, it also saves energy, time, water and infrastructure. A mini-ecosystem is created. It’s a survival kit. Of course, it also tests existing qualities: it attempts to find a solution for a lack of light and land. At the same time the density and the diversity of functions builds new connections and new relationships. It can therefore serve as a symbol for the multi-faceted nature of society: it presents the paradoxical notion that as diversity increases, it seems so too does cohesion.

FROM UTOPIA TO DISTOPIA

The 2000 Hannover World expo fair was not received with big enthusiasm. The number of visitors was much lower then expected and suggested in advance. Did it lack inspiration? The situation somewhere in the middle of Germany - a political choice: the center of west and the newly united east part of Germany - within a very provincial and moderating town did not help in that. It is not very attractive. There is no reason to be there. After the expo, the unemployment rate radically increased. People stared to leave the region. Who can under those circumstances invest the maintenance of the expo? Almost none of the buildings were being re-used afterwards. Many of them were broken down. Except the Dutch. Why? Had it become indeed a monument? The Dutch pavilion remained as a solitude element within a landscape that looked after the fall of a nuclear bomb. Fences were erected around the building. Lifts, trees and windmills were dismantled. Thousands of birds started to inhabit the vacant structure.Squatters (other birds) started to live in the floors. Partyseekers started to use the forest. It became a real park so to say. This distopia was not so bad. It became a ruin in the best German tradition. As in Heine’s poems or in Goethe’s memories, a new ruin was born! We could already imagine a structure overgrown with ivy... The secret discussion on its future, found its current apocalypse in September 2005. Finally it has been sold. Through eBay.
THE STOCKHOLM SPHERE


BIG I Bjarke Ingels Group

The traffic junction”Hjulsta” is being planned in the north of Stockholm, where the two highways E18 and E4 Stockholm Bypass meets in a three level intersection. The roads create physical and visual barriers between the surrounding neighborhoods and divide the area into four parts.

The Stockholm Sphere connects the four parts with a landscape loop. A continuous circular bike and pedestrian path aligned with public buildings and functions reconnects the different areas in an un-hierarchical and democratic way.

The central valley is turned into a pie chart park with nature of different character. The division of the park creates a diverse experience when moving in or around it.

New facades and buildings are integrated in the current building structure in Hjulsta. Focus is on adding small and large apartments to the existing midsize range. Both Järvaby and Barkaby expand towards the landscape loop.

What is a gate, but a significant point you pass? Here that point is turned into a reflective, hovering sphere mirroring Stockholm as it is, new as well as old areas. An always updated, constantly changing icon is created. Photovoltaic film covers the 30% of the surface that faces the sun, producing enough energy to keep the sphere floating and supply 235 houses with electricity.
MASDAR CITY


Foster + Partners

The first project as a result of the Masdar Initiative is a new 6 million square meter sustainable development that uses the traditional planning principals of a walled city, together with existing technologies, to achieve a zero carbon and zero waste community. Masterplanned by Foster + Partners, the initiative has been driven by the Abu Dhabi Future Energy Company, and will be a centre for the development of new ideas for energy production. Masdar responds to the urban identity of Abu Dhabi while offering a sustainable urban blueprint for the future. Due to be launched at Cityscape Abu Dhabi 2007, it is an ambitious project that will attract the highest levels of international expertise and commerce, providing a mixed-use, high-density city. The exciting programme includes a new university, the Headquarters for Abu Dhabi’s Future Energy Company, special economic zones and an Innovation Center.

Norman Foster said:
“The environmental ambitions of the Masdar Initiative – zero carbon and waste free – are a world first. They have provided us with a challenging design brief that promises to question conventional urban wisdom at a fundamental level. Masdar promises to set new benchmarks for the sustainable city of the future.”
The principle of the Masdar development is a dense walled city to be constructed in an energy efficient two-stage phasing that relies on the creation of a large photovoltaic power plant, which later becomes the site for the city’s second phase, allowing for urban growth yet avoiding low density sprawl. Strategically located for Abu Dhabi’s principal transport infrastructure, Masdar will be linked to surrounding communities, as well as the centre of Abu Dhabi and the international airport, by a network of existing road and new rail and public transport routes.

Rooted in a zero carbon ambition, the city itself is car free. With a maximum distance of 200m to the nearest transport link and amenities, the compact network of streets encourages walking and is complemented by a personalised rapid transport system. The shaded walkways and narrow streets will create a pedestrian-friendly environment in the context of Abu Dhabi’s extreme climate. It also articulates the tightly planned, compact nature of traditional walled cities. With expansion carefully planned, the surrounding land will contain wind, photovoltaic farms, research fields and plantations, so that the city will be entirely self-sustaining.
P&T GEBÄUDE IN KAYL


BEILER + FRANCOIS ARCHITECTES

Schon im Zuge der Projektvorbereitung für ein neues Verwaltungsgebäude in Kayl entschied sich der Bauherr (P&T) dafür, dass bei diesem Neubau die hohen Qualitätsanforderungen der « Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen » (DGNB) angewendet werden sollen.
In dem sich anschliessenden Wettbewerb wurde dann auch ein schlüssiges Konzept hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit, dem Umweltschutz und der Gesundheit am Arbeitsplatz gefordert. Der Entwurf des Büros Beiler & François architectes überzeugte wegen seiner architektonischen Umsetzung Nachhaltigkeitskriterien.

Es galt ein Verwaltungsgebäude mit hohen Anforderungen an Komfort, Sicherheit, Hygiene und Variabilität für die Nutzer zu erstellen. Das Permanente hinterfragen und suchen nach optimalen Lösungen, auch noch wärend der Bauzeit, wurde von den jeweiligen Sachverständigen bis zur Abnahme begleitet. Aber auch nach der Gebäude-Inbetriebnahme werden die Daten monatlich analysiert und der Betrieb weiter optimiert.

Das Verwaltungsgebäude erhielt abschließend ein Gold-Zertifikat der DGNB und erreichte mit 87,3 % die höchste Punktzahl in Luxemburg und international den zweiten Platz aller bisher von der DGNB zertifizierten Gebäude.
Neubau eines Verwaltungsgebäudes in Diekirch


morph 4 tom geelen I anke hoffmann
atelier b christian barsotti architecte

Der Neubau des Verwaltungsgebäudes für die Administration de la nature et des fôrets, Luxemburgisches Ministerium für Forstwirtschaft und Natur, stellt an die Planer verschiedene anspruchsvolle Herausforderungen. Neben dem hohen Standortanspruch in Diekirch und der sehr nutzungsspezifischen Planung auf geringer Parzellenfläche, spielt das nachhaltige, ökologische Planungskonzept eine übergeordnete Rolle.
Die Orte Diekirch, Ettelbrück und Erpeldange bilden für Luxemburg ein wichtiges Zentrum im Norden des Landes, die „Nordstad“. Der Planungsstandort befindet sich in exponierter Lage am westlichen Ortseingang von Diekirch zwischen der Hauptverkehrsachse nach Ettelbrück und der Uferpromenade des Flusses Sauer. In direkter Nähe liegen infrastrukturell wichtige Einrichtungen wie der Bahnhof, das Kulturzentrum, die alte Brauerei und ein Schulzentrum. Nach dem erforderlichen Rückbau des alten Baubestandes, orientiert sich das neue Bauvolumen an der vorhandenen Blockrandbebauung und führt die Baulinien konsequent fort.
Die Anforderungen an ein nachhaltiges Gebäudekonzept aufgrund des weltweit steigenden Energie- und Rohstoffbedarfs verlangen das Bauen mit ressourcenschonenden, nachhaltigen Materialien. Holz ist ein nachhaltig produzierbarer Baustoff dessen Herstellung weniger Energie benötigt als andere vergleichbare Baustoffe.
Diese zukunftsorientierte und wegweisende Bauweise wird durch die „Gesellschaft für nachhaltiges Bauen“ im gesamten Planungsprozess begleitet und abschließend durch eine DGNB**-Zertifizierung bestätigt. Die Konstruktion des Gebäudes setzt sich aus drei Teilen zusammen.
Zwei regelmäßige, gerichtete Holzbauten, jeweils in Nordausrichtung entlang der Hauptstraße und in Südausrichtung parallel zur Uferpromenade. Die beiden, durch die Situation vorgegebenen Ausrichtungswinkel der Gebäudeteile, lassen einen inneren Kern entstehen, der sich als aussteifendes Element in massiver Stahlbetonbauweise darstellt.
Die Konstruktionen erstrecken sich gleichmäßig über drei Vollgeschosse und gründen auf dem Kellergeschoss, ablesbar als Gebäudesockel in massiver, wasserundurchlässiger Bauweise auf der 3 m tiefer liegenden, südseitigen Promenade.
Die erforderlichen Nutzflächen unterteilen sich in die Büroflächen in den zwei oberen Geschossen. Hier finden sich jeweils zwei Bürotypen: die eher geschlossenen Büroräume mit ein bis vier Arbeitsplätzen pro Raum im nördlich gelegenen Holzbau und die Arbeitsplätze im Großraum, „open space“ im südlichen Gebäudeteil. Diese Anordnung erlaubt eine hohe Flexibilität in der Nutzung und einen maximalen Lichteinfall über die Südfassade. Die öffentlichen und halb-öffentlichen Flächen wie Empfangshalle, Bibliothek, Cafeteria, Vortags- und Tagungsräume zeigen sich im Erdgeschoss. Vor allem der an der Straße liegende Haupteingang und die von außen sichtbaren öffentlichen Bibliotheks- und Ausstellungsflächen laden den interessierten Passanten zu einem spontanen Besuch ein. Im massiven Betonkern ordnen sich sanitäre Anlagen, Erschließungen, eine Kitchenette und technische Räume mit vertikalen Verteilungen an. Im Untergeschoss befinden sich die notwendigen Lagerräume und die technischen Anlagen. Im offensichtlichen Gegensatz zu den elementierten Holzkonstruktionen und leichten Ausbauten aus Holz, ist der massive Stahlbetonkern in allen Geschossen direkt sichtbar. Die beiden grundsätzlich verschiedenen Materialien, Holz und Beton ergänzen sich hier in mehrfacher Weise: Gestalterisch durch den starken aber angenehmen Kontrast, konstruktiv wirkt der Betonkern als aussteifenes Element und technisch bietet der Stahlbetonkern die notwendige Speichermasse im energetischen Kontext, die das Holz vermissen lässt.
Die Nordfassade bildet sich mit ihren einzelnen Öffnungen als Lochfassade zur optimalen Belichtung der Büroräume aus. Die Fassade in Südrichtung mit Blick auf den Fluss zeigt sich als Pfosten-Riegel-Konstruktion mit maximalen Glasflächen für solare Wärmegewinne insbesondere in Übergangszeiten Herbst und Frühjahr.
Als abschließende Außenhülle erhält das Gebäude eine individuelle Holzfassade. Neben dem repräsentativen Aspekt, die Gebäudethematik „Holz“ nach außen zu transportieren, geht diese auf die erforderliche Nachhaltigkeit durch die Verwendung „heimischer“ Hölzer wie Douglasie ein und bietet zudem einen optimalen Schutz gegen angreifende Umwelteinflüsse. Als „fünfte“ Fassade erhält das Gebäude ein extensives Gründach, welches u.a. der Rückhaltung des anfallenden Regenwassers dient.
Der Plusenergie* Standard kann nur durch ausreichende Eigenstromversorgungsanlagen (Photovoltaik) erreicht werden. Hierzu dienen die Flächen der Südfassade und des Daches als Basis der Installation photovoltaischer Anlagen. Insbesondere die Photovoltaik-Anlagen auf der repräsentativen Südfassade sind gebäudeintegriert im Fassadenbild geplant.
Ein kleines Nebengebäude welches in unmittelbarer Nähe auf dem Baugrundstück liegt und als Fahrradunterstand und Abstellraum dient ergänzt die photovoltaischen Erträge durch eine weitere kleinere Dachfläche. Die Summe aller Photovoltaik- Erträge übersteigt nachweislich den späteren angesetzten Energieverbrauch des Gebäudes.
Das Konzept der Gebäudetechnik entwickelt sich ganz im Zeichen des zu erreichenden Plusenergie* Standards durch minimalen Energiebedarf aller technischen Anlagen.
Innovative Konzepte wie die Nutzung des Flusswassers der angrenzenden „Sauer“ zum Heizen und Kühlen, gezielte Durchlüftung und Nachtauskühlung durch Lüftungsflügel in den Fenstern und Fassaden und ein zonengesteuertes Lüftungskonzept kommen zur Ausführung.
Die Planung von massiven Bauteilen wie dem Stahlbetonkern und den Sichtestrich-Belägen spielen als Speichermasse vor allem bei der Gebäudekühlung eine wichtige Rolle.
Das Beleuchtungs- und Elektroinstallationskonzept orientiert sich an genauen Untersuchungen hinsichtlich der Bedürfnisse und des Verhaltens der späteren Gebäudenutzer. Die einzelnen Komponenten wie Beleuchtung und technische Ausstattung der Arbeitsplätze, Küche und EDV müssen den Anforderungen genügen bei gleichzeitig minimalem Energiebedarf.
Hinsichtlich der übergeordneten Planungsziele das Gebäude in einem Plusenergie* Standard zu realisieren und eine DGNB**-Zertifizierung in „Gold“ zu erhalten, sind der bisher verbreitete „Passivhaus-Standard“ und eine aufwendige „integrale Planung“ unerlässlich. Die thermische Hülle verlangt beste Wärmedämmwerte ohne Kältebrücken an allen Bauteilen und die solaren Gewinne, ob durch transparente Bauteile oder Photovoltaik werden von vorne herein in die Architektur der Gebäudehülle planerisch integriert.
Die Komplexität der Bauweise und Zielsetzungen verlangt u.a. 3-dimensionale Bauteil-Analysen welche konkrete Aussagen zu Tauwasserrisiken gibt und Wärmebrücken detailliert nachweisen lässt. Kritische Bauteile werden akustisch untersucht. Zudem wird das Zusammenspiel aller technischen, architektonischen und konstruktiven Faktoren im integralen Planungsprozess anhand von aufwendigen thermischen und lichttechnischen Gebäudesimulationen untersucht und ausgewertet um das Erreichen der Projektziele abzusichern.
Der Neubau des Verwaltungsgebäudes für die „Administration de la nature et des fôrets“ in Diekirch stellt eine zeitgemäße Bauaufgabe dar die eine integrale Planungsweise, also eine ganzheitliche Betrachtung aller Planungs- und Nachhaltigkeitsaspekte, fordert.
Nicht nur die architektonischen, technischen und konstruktiven Inhalte sind entscheidend, sondern auch die ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Aspekte werden gleichermaßen berücksichtigt.
Auch die späteren Gebäudenutzer werden von Beginn an in den Planungsprozess mit einbezogen sodass an diesem wichtigen Standort ein innovatives, zeitgemäßes Bauwerk entsteht und im Gebrauchsalltag funktioniert.
GREEN HOUSE


CBAG

Green House ist ein kleines Bürogebäude in Saarlouis. Der Neubau befindet sich in einer Baulücke auf einem schmalen langgezogenen Grundstück. Der Entwurf leitet sich aus der Typologie der im Kontext vorhandenen Gewächshäuser ab und gliedert sich im Grundriss in einen großen, symmetrischen Hauptraum und zwei Seitenspangen, die die Funktionsräume wie Sanitärbereiche, Teeküche und Stauräume aufnehmen. Durch diese Strukturierung ensteht ein offenes und transparentes Raumgefüge, das den Wunsch der Bauherrn nach einer flexiblen Nutzung ermöglicht.

Die äußere Form stellt sich als kompaktes, minimales Volumen dar. Durch gezielte Einschnitte / Subtraktionen und den Kontrast der dunklen Fassade und dem ganz in Weiß gehaltenen Inneren wird die Dialektik von Volumen und innerer Raumstruktur ablesbar. Das Äußere ist homogen mit sägerauer, vorvergrauter Weißtanne verkleidet und das Dach mit Anthrazink gedeckt. Die zweifarbigen Fenster sind außen mit grauer Eisenglimmerfarbe und innen Weiß beschichtet.

Der Innenraum ist minimal gestaltet. Die glatten, gestrichenen Innenwände stehen angeschliffenen, lackierten OSB Oberflächen gegenüber. Die Türen und Einbaumöbel sind in Schleiflack ausgeführt. Der Boden ist ein angeschliffener, gewachster Zementestrich, der durch den örtlichen Kies einen warmen Raumeindruck erzeugt. Alle Räume werden mit Fußbodenheizung beheizt.

Programmatic Sustainability

Der Neubau ist in Holzständerbauweise realisiert und mit ausschließlich nachhaltigen Materialien gebaut. Die Dämmung besteht aus eingeblasener Zellulose und Holzfaserplatten. Zusammen mit der Dreifachverglasung ist das Niedrigenergiegebäude nahe am Passivhausstandart und wird mit dem örtlichen Fernwärmenetz versorgt. Mit dem Green House wird die viel diskutierte und eigentlich als Standart zu betrachtende Nachhaltigkeit weiter gedacht. Sie beschränkt sich nicht allein auf die technische bzw. konstruktive Ebene, sondern liegt schon der funktionalen Grundkonzeption des Hauses zugrunde.

Das Green House mit seinem offenen Raumgefüge ist programmatisch nachhaltig: mit wenigen Eingriffen kann es in Zukunft von einem Büro in ein Geschäft, eine Artztpraxis oder einfach in ein Wohnhaus transformiert werden.

Es ist heute für die Zukunft gebaut.
Haus Poth und Liewer


RAINER ROTH ARCHITEKT

Andreas Poth erbt das Haus seines Großvaters auf dem Firmengelände in Speicher. Ein Winkel-Flachbau in Massivbauweise aus den 1960er Jahren, angrenzend an den großzügig angelegten firmeneigenen Park mit altem Baumbestand. Das Gebäude ist nach mehr als 40 Jahren abgewohnt und sanierungsbedürftig und für eine Familie zu klein. Es ist städtebaulich nicht präsent, außerdem fehlen Bezüge zu Garten und Terrasse. Die Küche ist räumlich isoliert. Der neue Eigentümer möchte das Haus mit seiner Frau Heike und den beiden Kindern Katharina und Lennart bewohnen.

Deshalb wird es erweitert, modernisiert und nachhaltig saniert. Der Wohnteil wird aufgestockt, gedämmt und dem gesamten Gebäude wird eine neue Hülle gegeben. Der Bauherr wünscht eine nachhaltige Fassade. Nach einer Exkursion zu den Häusern Lange und Esters von Ludwig Mies van der Rohe in Krefeld steht das Fassadenmaterial fest: Backstein.

Vermittelnde Präsenz

Das Gebäude steht an der Schnittstelle zwischen Wohn- und Industriegebiet, welches von Maßstabssprüngen zwischen Einfamilienhäusern und Produktionshallen geprägt ist. Die Aufstockung verleiht dem Gebäude eine neue Präsenz in seiner Umgebung. Über den vorgelagerten Hof wird der Besucher zum Haupteingang geführt. Die Staffelung des Baukörpers an dieser Stelle betont die Zugangssituation. Diese skulpturale Erscheinung vermittelt zwischen kleinteiliger Wohnbebauung und großformatigen Industriebauten. Der Einsatz des Backsteins als Fassadenmaterial, Hofmauerstein und als Pflasterstein unterstreicht diesen Charakter. Inmitten der umgebenden Industriehallenfassaden erscheint der Backstein in seiner materiellen Präsenz angemessen und würdevoll.

Innenräume

Der neue offene Wohn- und Essbereich mit Galerie ist der zentrale Raum des Gebäudes. Aus dem ehemaligen großen undifferenzierten Wohnzimmer wird ein Raumkontinuum über zwei Ebenen mit verschiedenen Aufenthaltsbereichen und Raumwahrnehmungen. Es werden Verbindungen geschaffen zwischen der Küche und dem Essraum und zwischen dem Erdgeschoß und den Außenräumen. Alle Räume erhalten einen komplett neuen Ausbau. Weißer Gipsputz, geöltes Eichenholz für Fußböden und Treppen, Beton-Sichtestrich, sowie weiß lackiertes Holz und weiße Türen sind prägende Materialien in den Wohn- und Schlafräumen.

Nachhaltigkeit

Die Nachhaltigkeit von Architektur bedingt die Nachhaltigkeit des verwendeten Baumaterials. Materialien, die in Würde altern können und vielleicht sogar noch schöner und „lebendiger“ werden, indem sie Geschichten erzählen, sind nachhaltig. Die Nutzbarkeit des Gebäudes wie räumliche Qualitäten, gute Belichtung und Funktionalität sind weitere Komponenten der Nachhaltigkeit. Diese grundlegenden Entscheidungen werden meist in den ersten Entwurfsgedanken getroffen und prägen den Charakter des Gebäudes maßgeblich. Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Schönheit. Ein Gebäude mit einer positiven Ausstrahlung und einem Charakter ist nachhaltig. Zukünftige Generationen werden ein solches Gebäude nutzen wollen und erhalten.
«Der Bau der Zukunft ist durch hohe Komplexität gekennzeichnet»
Ein Gespräch mit Werner Sobek

Interview: Marius Leutenegger

Werner Sobek überschreitet immer wieder Grenzen. Auch in seinem persönlichen Werdegang: Er ist gleichzeitig Architekt und Ingenieur. Für den Stuttgarter Professor sind ein konstruktiver Dialog und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren des Bauwesens unerlässliche Voraussetzungen, um dem nachhaltigen Bauen zum Durchbruch zu verhelfen.

Sie sind ein Pionier und prominenter Fürsprecher des nachhaltigen Bauens – und haben auch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen mitgegründet. Warum interessieren Sie sich eigentlich derart für Nachhaltigkeit, dass Sie ihr einen grossen Teil Ihres Berufslebens widmen? Werner Sobek: Das hängt wohl mit meiner humanistischen Erziehung zusammen. Auch wenn es nach Plattitüde klingt: Hinter meinem Engagement steckt ein tief gefühltes Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt und für die Gesellschaft. Aber ehrlich gesagt: Ich kann das Wort Nachhaltigkeit mittlerweile nicht mehr hören. Nachhaltigkeit wird noch immer wie ein besonderer Aspekt des Bauens betrachtet – dabei sollte sie mittlerweile so selbstverständlich sein wie Brandschutz oder Standsicherheit. Ich hoffe, dass es in fünf Jahren nicht mehr nötig sein wird, explizit von nachhaltigem Bauen zu sprechen.

Führt das Verantwortungsbewusstsein, das Sie erwähnten, auch immer zu verantwortungsvollem Handeln? Können Sie hinter allem stehen, was Sie als Ingenieur gemacht haben? Prinzipiell schon. Zehn Jahre später ist man meistens klüger, aber ich denke, wir haben immer das Beste aus jeder Sache gemacht. Wir geben uns bei allem, was wir tun, viel Mühe und bleiben auf unserer Suche nach der besten Lösung stets unnachgiebig. Zu einem solchen Verhalten gehört auch, dass man nicht einfach nur etwas nimmt, analysiert, dimensioniert und dann abgibt. Man muss die Aufgabe als solche diskutieren, sie manchmal in ihrer Vorgabe manipulieren oder in der vorliegenden Form ganz in Frage stellen, um zu einem optimalen Ergebnis zu kommen.Dieses Verhalten ist für uns Teil unserer moralischen Verpflichtung. Auch die Beschäftigung mit dem nachhaltigen Bauen bietet uns viele Zukunftschancen: Wir möchten vorangehen, neue Bereiche „avant la garde“ betreten und nicht nur umsetzen, was bereits verbreitet ist – denn wir sind überzeugt, dass unserer Art zu bauen die Zukunft gehört.

Warum ist es heute noch nicht so weit? Man kann ja nicht behaupten, das nachhaltige Bauen habe keine gute Presse – es wird wohl kaum jemanden geben, der sich gegen nachhaltiges Bauen aussprechen würde. Warum setzt es sich trotzdem nicht flächendeckend durch?
Dafür gibt es viele und vielfältige Gründe. Ein Grund ist sicher eine gewisse Trägheit der meisten Akteure. Vor allem aber fehlt es schlicht und einfach an den Fundamenten. Wenn Sie heute wirklich nachhaltig bauen wollen, finden Sie wohl kaum ein Ingenieurbüro, das Ihnen einen vollständigen Satz guter Lösungen vorschlagen kann. Nur ganz wenigen gelingt es heute, Häuser so zu bauen, dass sie der simplen Forderung nach einem triple zero genügen: d.h. null Energieverbrauch, null Emissionen und null Müllaufkommen während Herstellung, Umbau und Abbruch. Wir haben in der Regel noch nicht die Werkzeuge, um derartige Häuser zu konzipieren.

Was fehlt?
Es mangelt an so vielem – an Wissen, an Daten, an Berechnungsverfahren. Wir wissen heute zum Beispiel, wie man das Gewicht eines Gebäudes misst und wie sich dieses Gewicht reduzieren lässt. Aber wir wissen nicht, wie wir die graue Energie, die in einem Gebäude steckt, wirklich messen und reduzieren können. Es existieren auch keine Planungs- und Konstruktionsmethoden, die ein recyclinggerechtes Bauen erlauben. Die Liste der Wissenslücken ist lang.

Warum werden diese Wissenslücken nicht geschlossen?
Die Bauindustrie selbst forscht schon lange nicht mehr, und die Hochschulen haben sich zu spät und in zu kleinem Umfang des Themas angenommen. Jetzt, wo man den Universitäten die Budgets de facto kürzt, wird es für sie immer schwieriger, die nötigen Infrastrukturen für die Forschung aufzubauen. Die Regierungen fordern und fördern das nachhaltige Bauen zwar, doch fehlen die organisatorischen und inhaltlichen Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlicher Hand; die einzelnen Akteure tauschen sich viel zu wenig miteinander aus.
Es liegt auf der Hand, dass die Planungswerkzeuge und -methoden, die wir dringend benötigen, einen ausgesprochen interdisziplinären Charakter haben, denn ein Einzelner kann heutzutage die komplexen, multidisziplinären Probleme und Zusammenhänge für sich allein nicht mehr in dem Grad beherrschen, der notwendig ist, um Spitzenleistungen zu schaffen. Die Implementierung von Nachhaltigkeitsaspekten erfordert die Rücksichtnahme der einzelnen Fachplaner auf komplexe Zusammenhänge wie Wartung, Reparatur oder Recycling. Sie erfordert die vollständige Integration der Aspekte Energieeinsparung, Emissionsreduzierung und so weiter.

Dies ist mit den bisherigen, sequentiellen Planungsprozessen nicht leistbar. Die Veränderung muss deshalb in Richtung von integralen, interdisziplinär ausgerichteten Planungsprozessen stattfinden.

Ist die Tatsache, dass noch immer viel zu wenig nachhaltig gebaut wird, also vereinfacht ausgedrückt auf einen Mangel an Vernetzung zurückzuführen?
Das ist sicher ein wichtiger Aspekt. Die heute verbreitete inhaltliche und räumliche Trennung der Ausbildung von Ingenieuren und Architekten hat auch zur Folge, dass das gegenseitige Verstehen der Sprache und der Denkweise der beiden auf Engste verbundenen Berufsgruppen stark beeinträchtigt ist. Die integrale Planung bedingt eine Veränderung der Ausbildung unserer Studierenden hin zu gemeinem Vorlesungen, gemeinsamen Seminaren und gemeinsamen Entwürfen – mit dem Zweck, dass man die Methoden und Wertvorstellungen der jeweils anderen Disziplin kennen lernt. Weil es auf allen Ebenen mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit braucht, schaffen wir jetzt eine zusätzliche Schnittstelle: das SIS - Stuttgart Institute of Sustainability. Diese auf der Welt einmalige Plattform vernetzt die Industrie und Wissenschaft miteinander. Wir wollen Grundlagen für das nachhaltige Bauen schaffen und praxistaugliche Lösungen finden. Wir möchten zum Beispiel die Frage beantworten: Wie können wir das Rezyklieren eines Gebäudes schon in der Planung berücksichtigen?

Müssen sich auch die Erstellungsprozesse verändern?
Auf jeden Fall, denn untaugliche Prozesse sind heute vermutlich das größte Hemmnis auf dem Weg zum nachhaltigen Bauen. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein ideal konfiguriertes Planungsteam aus 40 Leuten, das ein Gebäude eineinhalb Jahre lang plant und danach alles in einer Ausschreibung von mehreren tausend Seiten dokumentiert. Diese Dokumentation geht nun an die Unternehmer, die innerhalb weniger Wochen alles verstehen sollen und einen verbindlichen Preis für den Bau des Gebäudes nennen müssen. So etwas geht doch gar nicht, hier macht sich eine ganze Branche etwas vor! Die Bauunternehmer werden also entweder Lücken in den Unterlagen suchen, damit sie später die Vertragsgrundlagen angreifen und Nachträge verlangen können.
Oder sie machen Sonder- und Änderungsvorschläge, mit der sie die Ausschreibung umgehen können. Dann beginnen die Arbeiten am Bau. Jetzt aber wird vieles anders gemacht als vorgesehen - es werden Änderungen und Sondervorschläge eingearbeitet und gleichzeitig gebaut - und am Ende haben Sie ein Gebäude, das in unzähligen Punkten von der ursprünglichen Planung abweicht. Das Gebäude ist nun aber auch nicht mehr richtig dokumentiert! Nach 20 Jahren weiß niemand mehr, was genau gemacht, welche Produkte im Einzelnen verwendet wurden. Wie soll man sich hier der Frage des Recyclings überhaupt noch nähern? Dabei hatte alles so gut begonnen. Der beschriebene Prozess ist heute der Regelfall – es muss deshalb einiges radikal geändert werden.

Auf welche Art?
Alle, die in ein Projekt involviert sind, müssen möglichst frühzeitig in die Planung einbezogen werden. Auch die Preisbildung soll einem Prozess unterworfen sein, der zu einer immer präziseren Angabe führt – die Baufirmen sollen keine Preisangaben machen müssen, ohne genau zu verstehen, was von ihnen verlangt wird. Und zu einem bestimmten Punkt in der Planung muss man sich darauf einigen, keine Änderungen mehr vorzunehmen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von design freeze. Und: Die Planung muss am Ende das dokumentieren, was gebaut wurde.

Können Sie ein solches Einfrieren der Planung bei Ihren eigenen Projekten durchsetzen?
Wir versuchen es, aber es gelingt uns nicht immer. Für uns ist es heute aber eine Selbstverständlichkeit, auch andere beteiligte Firmen bei der Planung zu Rate zu ziehen und sie mit ins Boot zu nehmen.

Bei einem Ihrer berühmtesten Gebäude haben Sie die Umsetzung Ihrer Planung nicht nur selber bis zuletzt überwacht, Sie tragen auch die Konsequenzen der Planung – denn Sie bewohnen dieses Gebäude seit über zehn Jahren. Dieses Einfamilienhaus heisst R128 und steht hier in Stuttgart. Es entspricht Ihrem Postulat des «triple zero»: Das Haus benötigt erstens keine Heizenergie und ist weitgehend ein energetischer Selbstversorger, produziert zweitens keine Emissionen und lässt sich drittens in grossen Teilen problemlos rezyklieren, es hinterlässt also keinen Müll. Was löst dieses vollkommen verglaste, in jeder Hinsicht transparente Gebäude bei Ihren Gästen aus?
R128 ist mein persönliches Manifest und die Summe meiner Erfahrungen und Visionen mit Stand 2000. Es ist die Auslotung des Lebens in der Seifenblase, des Lebens in einer dreidimensionalen Transparenz, wobei aufgrund technischer Randbedingungen die Seifenblase in diesem Fall noch recht eckig ausgeprägt ist. Die Transparenz ist für viele ungewohnt; sie hatten keine Gelegenheit zu erfahren, wie man sich in einem solchen Gebäude fühlt – es gibt ja kaum solche Häuser. Viele meinen erst: Das sieht superchic aus, aber irgendwie muss sich das Leben darin doch kalt anfühlen, das ist doch, als würde man in einer Maschine leben. Aber die vielen Gäste, die wir gern in unserem Haus bewirten, sagen bereits nach wenigen Stunden offen und ehrlich, dass es nicht nur gemütlich, sondern auch erstrebenswert sei, in einem solchen Haus zu wohnen. Aufgrund dieser Erfahrung fordere ich auch, dass man im architektonischen Schaffen ein bisschen mehr riskieren sollte, als man es gewöhnlich tut.

Warum gibt es dann nicht viele R128?
Weil wir seit 2000 jedes Jahr nur ein solches Haus bauen können. Wir kommen nicht dazu, mehr zu tun. Der Planungsaufwand für ein solches Gebäude ist natürlich wesentlich grösser als für ein herkömmliches Haus. Das heisst nicht, dass ein Triple-Zero-Haus über den gesamten Nutzungszyklus hinweg gesehen teurer wäre, im Gegenteil. Doch die Relationen verschieben sich. 25 bis 30 Prozent der Erstellungskosten entfallen bei einem Einfamilienhaus auf die Planung – dies mag kurzfristig denkende Leute, die nicht die tatsächlich über den Lebenszyklus eines Gebäudes anfallenden Kosten betrachten, abschrecken. Ich bin fest überzeugt, dass sich die Ideen, die hinter einem Gebäude wie R128 stehen, langfristig durchsetzen werden. Aber beim Bauen haben wir einfach ganz andere Rahmenbedingungen als in anderen Branchen. Zum einen ist der Produktdurchsatz sehr gering. Es gibt auf der Welt 4 Milliarden Handys, und kaum eines davon ist älter als drei Jahre. Bei Häusern verläuft der Innovationszyklus viel langsamer. Das hat auch mit den Gesamtinvestitionen zu tun: Einen Bauherr zu ruinieren ist wirklich einfach; wir sind daher zu einem sorgsamen Vorgehen verpflichtet, und das führt zu einem gewissen Konservativismus. Ich spreche nicht von Rückständigkeit – diese halte ich für skandalös, den sie geht meistens zu Lasten der Umwelt und der Gesellschaft.

Aber ich habe Verständnis dafür, dass man nicht zu viele Risiken eingehen möchte. Dann haben wir auch mit unsinnigen Bestimmungen zu kämpfen. In manchen Ortschaften zum Beispiel sind Satteldächer zwingend vorgeschrieben, obwohl es sich dabei um eine Bauweise aus dem 14. Jahrhundert handelt, mit der man in vielerlei Hinsicht nur ungenügend auf die aktuellen Erfordernisse eingehen kann. Doch das Hauptproblem bleibt, dass die meisten Firmen in der Baubranche gar nicht in der Lage sind, Gebäude wie R128 zu entwerfen und zu erstellen. In der Produktion der Gebäude müssen sich die Qualifikationen deshalb entscheidend entwickeln. Außerdem muss sich der Markt verändern. Weil Veränderung aber bedeutet, dass viele, die unter den herrschenden Bedingungen erfolgreich waren, aus den Prozessen ausscheiden werden, stemmen sich naturgemäß auch viele gegen das Neue. Doch wir errichten weiterhin unsere prototypischen Bauten und hoffen, dass sie eine Entwicklung anstoßen.

Aber während einzelne vorbildliche Prototypen entstehen, schießen gleich daneben nicht-nachhaltige Bauten in viel größerer Zahl in die Höhe...
Ja, ich beobachte auch, dass viele sich so gut wie gar nicht bewegen, dass sie sich in Formalismen verlieren, dass sie zu dekorativen Aspekten zurückkehren – ohne sich wirklich zu fragen, wie wir atemberaubend schöne Häuser bauen können, die sich gleichzeitig perfekt in soziokulturelle und in landschaftliche Zusammenhänge einfügen und die selbstverständlich auch vollkommen ökologisch sind. Nun, darüber darf man gar nicht zu viel nachdenken, sonst bekommt man eine Psychose. Wir arbeiten 14 bis 16 Stunden am Tag, propagieren das nachhaltige Bauen, wo wir können, bilden eine neue Generation von Planern aus – mehr kann man einfach nicht tun. Die Verbreitungsgeschwindigkeit ist nun einmal ähnlich wie das Reiskorn-Analogon auf einem Schachbrett. Hinzu kommt, dass sich die Gesellschaft oft selber im Weg steht, wenn es um die Nachhaltigkeit geht. Ein Angestellter hält sich beispielsweise pro Woche durchschnittlich 37,5 Stunden an seinem Arbeitsplatz auf – aber die Woche hat 144 Stunden. Das bedeutet, dass ein Bürogebäude zu drei Viertel der Zeit gar nicht genutzt wird. Trotzdem bezahlen Sie für die gesamte Dauer Miete und halten Sie das Gebäude für die ganze Dauer in Schuss.
Das ist eine enorme Verschwendung – dennoch scheint es gegenwärtig unmöglich, solche Dinge zu verändern. Ich wollte einmal an der Universität eine Vorlesung um 20 Uhr ansetzen mit der Begründung, auf diese Weise den Vorlesungsraum besser auszulasten. Sofort hiess es, das sei viel zu spät, die Studierenden seien um diese Zeit zu müde. Wir brauchen einfach Geduld und müssen immer wieder neu ansetzen. Schändlicherweise hat man sich in den letzten Jahrzehnten nie ernsthaft gefragt, wie sich Emissionen oder Materialverbrauch reduzieren ließen. Einige einsame Rufer in der Wüste haben zwar immer wieder auf die wichtigen Fragestellungen hingewiesen. Aber im Bauwesen ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit des Sparens von Material oder für die Bedeutung des Recyclings grundsätzlich noch nicht vorhanden. In einigen Bereichen hat sich ein neues Denken bereits durchgesetzt – etwa, wenn es darum geht, den Energieverbrauch eines Gebäudes während seines ganzen Lebenszyklus’ zu berücksichtigen. Das zeigt: Veränderung ist möglich.

Von außen betrachtet ist R128 ein recht feudales Haus. Es entspricht zwar dem «Triple-Zero»-Gedanken, geht aber sehr großzügig mit Platz um. Auch Ihr Büro, in dem wir jetzt sitzen, würde genug Platz für eine ganze Schulklasse bieten. Darf man so viel Platz beanspruchen – oder wäre auch diesbezüglich eine Reduktion notwendig?
Ich möchte Lebensbedingungen schaffen, welche die Leistungsfähigkeit der Menschen verbessern – auch die geistige. Unser Umfeld muss gewährleisten, dass wir Ideen gebären können. Ich glaube nicht, dass ärmliche und beengte Verhältnisse die notwendigen Voraussetzungen für unsere Kreativität bieten können. Und es gibt doch genug Platz auf der Erde – man vergleiche nur einmal die Wohn- mit der Wüstenfläche! Wenn Sie sparsam mit Material und Energie umgehen und Gebäude erstellen, die sich zudem zu 100 Prozent rezyklieren lassen, dann können Sie sich einen solchen Luxus ohne weiteres leisten. Ich will eine fulminant gebaute Umwelt, in der man sich wohl fühlt, die der Kreativität Raum lässt, die atemberaubend schön ist. Ich rede nicht von einem absurden Luxus, aber einer Entsagungsästhetik kann ich nichts abgewinnen.
Die Frage bleibt, wie die Wohnfläche erstellt wird. Wenn jeder sein eigenes Häuschen haben möchte, wird einfach alles zugebaut und gleichzeitig ein gigantisches Verkehrsaufkommen generiert. Das ist natürlich eine Katastrophe. Bei uns gilt das Hochhaus noch immer als Sünde, aber die wahre Sünde ist das Ein- und Zwei-Familien-Haus. Wir müssen viel dichter bauen – und wie schon erwähnt: auch atemberaubend schön.

Während der längsten Zeit ihrer Geschichte haben Menschen nachhaltig gebaut. Baumaterialien waren kostbar und wurden wiederverwertet. Wann und weshalb begann eigentlich der «Sündenfall»?
Das nicht-nachhaltige Bauen hängt mit den gestiegenen Ansprüchen zusammen. In einem einfach gebauten Haus aus Holz, Leim und Stroh erreichen Sie nie jene Konstanz hinsichtlich Temperaturen und Luftfeuchtigkeit, nie jene Brandschutz- und Schalldämmqualität, nie jene Robustheit der Oberflächen, die Sie heute als selbstverständlich erachten und im Alltag stets voraussetzen. Heute muss alles optimal funktionieren, und wir müssen deshalb sehr viel aufeinander abstimmen. Die neuen Komplexitäten haben zu einem Viele-Teile- und Viele-Lieferanten- Problem geführt.

Auch wenn Sie von Entsagungsästhetik nichts halten: Ist es nicht trotzdem Zeit für ein «Retour à la nature», was unseren Komfort angeht? Sollten wir nicht unsere Ansprüche drosseln, wenn wir mehr Nachhaltigkeit wollen?
Ein Retour à la nature hat keine Zukunft; ich halte diesbezügliche Überlegungen für eine Verklärung der Vergangenheit bzw. für ein Verkennen der aktuellen Anforderungen an unsere gebaute Umwelt. Mit den Ansprüchen sind auch unsere Komfortsensibilität und unsere Leistungsfähigkeit gestiegen, auf der anderen Seite ist die Krankheitsanfälligkeit gesunken, die Menschen leben länger. Auf diese Verbesserungen will man verständlicherweise nicht verzichten. Einbußen beim Komfort würden gesellschaftlich nicht akzeptiert – wenn heute in einem Bürogebäude die Temperaturen über 26 Grad steigen, hat der Mieter bereits Anspruch auf Mietminderung, da die Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter angeblich verfällt! Der Bau der Zukunft ist deshalb nicht durch eine Rückkehr zu mehr Einfachheit im Sinne eines Retour à la nature gekennzeichnet, sondern durch Einfachheit innerhalb einer hohen Komplexität: Simplicity in Complexity.
D10


Werner Sobek

D10 ist ein eingeschossiges Einfamilienhaus in einem gewachsenen Wohngebiet in der Nähe von Ulm, das über einen privaten Zufahrtsweg erschlossen wird. Prägende Elemente des Gebäudes sind zwei parallele Wandscheiben. Der Raumabschluss erfolgt durch eine großzügige Verglasung. Eine umlaufende, großzügige Terrasse, geschützt durch das weit auskragende Flachdach, verbindet Innen- und Außenraum. Über diese Terrasse wird das Gebäude auch betreten.

Im Erdgeschoss befinden sich die Wohnräume, während die Nebenräume im Untergeschoss angesiedelt sind. An der Nordseite des Gebäudes schließt sich eine Doppelgarage an, über die das Untergeschoss direkt betreten werden kann. Die interne Erschließung erfolgt über eine Treppe im Wohnraum.

Das Energiekonzept garantiert, dass der komplette Energiebedarf des Gebäudes mittels regenerativer Energien gedeckt wird. Die zur Erzeugung von Warmwasser sowie zur Deckung der Heiz- und Kühlbedarfs notwendige Energie wird durch ein Geothermiesystem mit hocheffizienter Wärmepumpe gedeckt. Die komplette Dachfläche ist mit einer Photovoltaik-Anlage ausgestattet , die im Jahresdurchschnitt mehr als die im Gebäude verbrauchte Energiemenge erzeugt.

D10 ist weltweit eines der ersten Gebäude, das das von Werner Sobek entwickelte Triple Zero ® Konzept gänzlich umsetzt.
H16


Werner Sobek

Werner Sobek further advanced the design concept originally developed for his famous R128 for this private residence of an industrialist south of Stuttgart: a maximum of transparency and a minimum of structure, full recyclability, extremely high user comfort through integrated building automation and very flexible ground plans, and – last, but not least - zero emissions thanks to intelligent climate engineering and highly efficient building materials. In addition, particular attention was paid to an integration of the building into the surrounding landscape, allowing for magnificent views over the town and the valley lying below. Seen from afar, the house blends harmoniously into nature. The house consists of two contrasting cubes responding to the particular situation on an inclined plot. The transparent, all-glass cube features an open living space with a flexible ground plan and the greatest possible transparency. The black cube accommodates the private rooms, thus ensuring intimacy and possibilities for retreat. A natural stone wall provides the slope with a closure and frees the space for the cubes. A dense hedge at street level shields the glass cube from view. The ensemble is augmented by a light-coloured cube, which is visually connected to the residential building by a steel terrace. This cube houses the garage and building services. All three cubes have a supporting structure of steel that can be built up (and dismantled) within a couple of days. The steel structure is fully recyclable, just like all other materials in the house. The transparent cube sits on top of the black cube, protruding on one side by more than six meters. Its highly insulating triple glazing not only facilitates a pleasant room climate, but also leads to full transparency and beautiful vistas over the surrounding landscape. The large-sized glass panes (2.36 m x 3.63 m) can be opened at three sides as sliding doors. The glass has a special sun protection coating. Additional protection is offered by textile glare shields which can be moved up and down at the push of a button. The black cube is constructed from prefabricated architectural concrete sections. The surface of these concrete sections was finished by a stone mason so as to give it an amorphous character and very high haptic qualitites. Storey-high (but very slim) windows offer generous light conditions and exciting views – without disturbing the very private character of these rooms. The two cubes are connected by a fanfold flight of stairs made of stainless steel. The stairs are flanked by a red cabinet which equally links the two cubes to each other. The cabinet covers the full height of the black cube and goes up to parapet height in the transparent cube. This furniture not only offers generous storage capacities, but also makes an important contribution to the proportioning of the interior. A specially adapted climate concept allows for emission-free heating and cooling. The utilization of ground heat (geothermal heating), in connection with a heat pump system, mechanical prime ventilation and a photovoltaic system ensures that the edifice can do without fossil fuels altogether: in energy terms, the building is entirely self-sufficient. Thus it is fully sustainable not only with regard to its building materials and its structure, but also to its energy system.
R128


Werner Sobek

Das viergeschossige Gebäude befindet sich auf einem steilen Grundstück am Rande des Stuttgarter Talkessels. Es wurde als vollkommen rezyklierbares, im Betrieb emissionsfreies Nullheizenergie- Gebäude entworfen. Das vollkommen verglaste Gebäude besitzt eine hochwertige Dreifachverglasung mit einem k-Wert von 0,4. Es ist modular aufgebaut und aufgrund des Zusammenbaus durch Steck- und Schraubverbindungen nicht nur leicht auf- und abbaubar, sondern auch vollkommen rezyklierbar. Die Innentemperatur wird durch ein speziell entwickkeltes Klimakonzept geregelt. Das offenliegende Tragwerk aus Stahl ist wesentliches Gestaltungs- und Gliederungselement; es trägt darüber hinaus wesentlich zur kurzen Bauzeit und zur völligen Rezyklierbarkeit des Gebäudes bei.
D10


Werner Sobek

Das Projekt P12 zeigt, wie auch im Altbau durch geeignete planerische und bauliche Maßnahmen eine radikale Verbesserung der Energieeffizienz bei gleichzeitiger deutlicher Erhöhung des Wohnkomforts erreicht werden kann. Hierzu wird das bestehende Gebäude in seinem Inneren aufgewertet, beispielsweise durch neue Bäder. Der gesamte Wohnraum erhält durch vergrößerte Fenster mehr Tageslicht. Die Haustechnik wird in die Außenhülle integriert. Hierfür wird ein vorgefertigtes, hoch wärmedämmendes Fassadensystem mit allen erforderlichen Leitungskomponenten auf die bestehende Außenwand montiert. Zur Erstellung dieser vorgefertigten Gebäudehülle wird das Bestandsgebäude zunächst mit einem 3D-Laserscanner vermessen. Auf der Grundlage des so erzeugten 3D-Modells des Hauses werden maßgeschneiderte Fassadenelemente konstruiert, computergesteuert gefertigt und vormontiert. Fenster, Verschattungstechnik, Photovoltaik und Lüftungsrohre werden komplett werksseitig integriert. Die neue Gebäudehülle wird anschließend über das Bestandsgebäude gelegt. Die neue Hülle kann je nach Kontext und Orientierung mit unterschiedlichen Materialien belegt werden. Durch den hohen Vorfertigungsgrad kann die Gebäudehülle einfach und schnell montiert werden. Die Maßnahmen im Inneren, wie die Aufwertung der Geschossdecken zum Erreichen eines komfortablen Schallschutzes, werden konventionell vor Ort durchgeführt. Dadurch wird gesichert, dass alle Maßnahmen optimal auf die Situation vor Ort abgestimmt sind.